Muskatnuss, Herr Müller

Dass meine Vorliebe für ausgefallene Decknamen in letzter Zeit etwas gelitten hat, das muss man mir ein wenig nachsehen; Ich bin mittlerweile 29c (oder b? N*, oder nur N?), habe drei Katzen, die mein Leben bereichern (notfalls auch nur mit teilweichen Hinterlassenschaften auf dem Teppich) und hatte in letzter Zeit zu wenig, wirklich guten Kaffee (unter 3 Litern geht da wenig). Doch es wird langsam und mit dem Stress hält es sich auf Pegeln, die irgendwie zu kompensieren sind.

Deswegen kam ich auch in diesem Jahr verhältnismäßig häufig wieder zum Urbexen, was meine Endorphinausschütung dankenswerterweise einigermaßen zum Dammbruch brachte.

Doch auch wenn die verlassenen Orte so schön sein können, so macht den größten Teil des Urbexens eigentlich die Gesellschaft aus, in der man sich befindet – und so verwandelt sich eine Tour durchaus schnell in ein Psychofickorama, wenn am Steuer des Tourwagens ein LKW Fahrer mit Vorliebe für Pulver aus Ostblockstaaten (und einer seltsamen, sexuellen Affinität für Thermoskannen voller Hackfleisch) sitzt, der andere Tourbegleiter gerne 8 „Locis“ in zwei Stunden durchzimmern möchte (plus eine Stunde zum Verladen der „Beutestücke“) und die Quotenfrau dir die ganze Zeit obszöne Angebote macht („krieg ich die kml Datei, spiel ich dir am Stativ“).

Glücklicherweise, so muss man sagen, hatte ich derartige Randerfahrungen der menschlichen Gesellschaft nur sehr selten und auch nur zu meinen Anfangszeiten, da sich seit Jahren ein fester Stamm herausgebildet hat, mit dem man auf Tour geht und dem man mittlerweile blind vertrauen kann.

So besuchte ich, in Anwesenheit dieser Gruppe (plus einem „Neuling“, der aber ein seeehr netter Kerl war – ohne Hackfleischvorliebe), dieses besondere Stück Industriearchitektur. Dieses Objekt, im Herzen einer besonderen Stadt Deutschlands, zeichnete sich nicht durch historische Bauelemente, oder eine dunklen Vergangenheit aus. Nichts, was irgendwie besonders hervorstechen würde, bis auf eine Tatsache: Verfall in seiner besonderen, unberührten Art und Weise. Dass dies eine Besonderheit ist, erkennt man leider immer wieder auf den Touren; selten findet man einen Ort vor, den niemand dekoriert, besprüht, abgefackelt hat. Hier war dies der Fall, wobei hier gelebter Vandalismus so viele Chancen gehabt hätte, wie ein Schneeball in der Hölle. Industriearchitektur ist dann doch etwas robuster, als ein belgisches Wohnhaus.

Eine kleine Besonderheit hatte dieser Ort dann dennoch an sich, die nicht unerwähnt bleiben soll: Er lag im „ach so geschäftigen“ Deutschland, wo für gewöhnlich derartige Locations in kleinsten Trümmern von Sekunden entweder abgefackelt, abgesperrt, oder zum Drehort für frühpubertierende Körperverletzungen werden. Ja, hier – im Land der Dichter und Denker – denkt mittlerweile kaum noch einer mit und dicht sind die meisten Zweibeiner schon lange nicht mehr. Dies bezeugte auch ein Zwischenfall, der nach unserem Besuch dort geschah; ein paar besonders helle Gestalten, von der Natur auf’s Schändlichste um ein überlebensfähiges Gehirn betrogen, bohrten einen etwas älteren, dennoch gefüllten Säuretank an…

Manche Wesen Gottes sind nicht dafür geschaffen, sonderlich alt zu werden. Sie dienen der Evolution nur als Werbeunterbrechung für den nächsten Blockbuster… (huch, Religion und Evolutionslehre in einem Satz…?)

Nichtsdestotrotz – dieser Ort war optisch ein Augenschmaus und forderte von mir etwas, was ich lange nicht mehr bei einem „Urbex Besuch“ tun musste; freihändiges Arbeiten. Leider, so musste ich nämlich inmitten von vielen Schächten und Gitterrosten erfahren, verfügte mein getreuer Stativkopf (Manfrotto MA 410) über eine kleine Feder, welcher von einer kleinen Schraube in Position gehalten wurde, welche die Schnellwechselplatte durch einen „Pin“ einrasten ließ. Lange Rede, nerviger Sinn: Die Schraube flog, die Feder eben so und der Pin winkte mir mit erhobenem Mittelfinger, als er in Richtung einer Bodenöffnung mit Rattenbefall (die nichts für meiner Mutter Söhne Finger war) flog. So entstanden alle dargebotenen Bilder freihändig – und dies war auch der letzte Textabschnitt. Viel Spaß bei der Betrachtung!