Macht eine eigene Website noch Sinn?

Facebook, Instagram, Snapchat, Tumblr… es gibt unzählige dieser „sozialen Netzwerke“, wie sie sich so schön nennen. Sie bieten dem Nutzer die schönsten Möglichkeiten zur Selbstdarstellung, zur „Content“ Verwaltung, zur Verbreitung der eigenen Arbeiten – für „umsonst“.

„Me so social, will love you long time!“

Nutzt da eine eigene Website überhaupt noch etwas? Erfüllt eine Website da überhaupt noch ihren Sinn und Zweck, wenn es darum geht eine Art von Visitenkarte für den einzelnen Fotografen zu sein – auf der er Inhalte so präsentieren und sortieren kann, wie er es für richtig hält?


Die Frage wird, schaut man sich einmal neugierigerweise um, so gar nicht gestellt. Sie wird nicht beachtet, verschwiegen und vielleicht auch einfach nicht erkannt. Der „social media“ Hype scheint viel zu präsent dafür zu sein, dass man ihn hinterfragen könnte – oder allgemein die Sichtweise auf das Web kritisch betrachten sollte. Vielleicht sind ja die Antworten, die sich aus dieser Fragestellung ergeben, nicht so angenehm, wie wir uns das vielleicht wünschen.

Betrachten wir aber einfach mal grob die Fakten, die uns gegeben sind:

Nutzerzahlen:

1,59 Milliarden Nutzer weltweit (Anfang 2016)

Seiten auf Facebook:

Über 50 Millionen

Wenn wir jetzt bedenken, dass in Europa 742 Millionen Menschen leben (Quelle Wikipedia) und davon ca. 200-300 Millionen täglich auf Facebook aktiv sind, bekommt das noch einmal eine ganz andere Dimension. Besonders wenn wir noch einen Punkt hinzudenken: Es geht sich nur um Facebook. Instagram, Snapchat etc. sind da noch nicht einmal eingerechnet.

Was bedeutet dies im Endeffekt? Nicht den Untergang des Abendlandes (den hat RTL mit Mitten im Leben bereits eingeläutet), auch nicht die Verdummung der Menschheit (wieder RTL), oder eine Zukunft voller Sozialphobiker, die sich nicht einmal selber da unten anfassen wollen. Effektiv bedeutet es nur: Verdammt viele Menschen verbringen ihre Zeit auf einer Webplattform, die an anderer Stelle „fehlt“. Auch ich bin einer dieser Menschen und bemerke, mehr als einmal täglich, wie viel Zeit ich mit Facebook und Co. verbringe. Dabei ist es auch logisch, da mir Facebook so ziemlich alles bietet, was ich so im Netz suche und brauche:

  • Nachrichten jeglicher Art werden mir präsentiert (jede größere Tageszeitung bietet mir auf Facebook Nachrichten an, umsonst).
  • Kleinanzeigen werden mir in diversen Facebookgruppen geboten, komfortabel mittlerweile mit diversen Verkaufsfunktionen (ebay wird dadurch im Moment massivst unter Druck gesetzt und es wird nicht mehr lange dauern, bis Facebook seine potenzielle Marktmacht auf diesem Sektor erkennen und auch nutzen wird).
  • Der bescheidene Austausch zwischen Interessengruppen ist gegeben – ich finde Gruppen zu Aachen, zur Fotografie, zu Lost Places im Überfluss. Egal welches Thema: Es gibt eine Gruppe.
  • Kommunikation ist ebenfalls ein wichtiger Faktor und war ursprünglich der Hauptnutzen von Facebook; ich kann mit Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen jederzeit in Kontakt bleiben. Hierdurch sind Dinge wie ICQ, E-Mail und Co. fast schon überflüssig geworden.
  • Ich kann mich, wie auch meine arbeiten, komfortabel auf Facebook präsentieren.

„Willkommen in der Blase!“

Die Bedeutung für das Web und die Kultur der Website/Homepage wird dabei noch kaum betrachtet, doch wenn wir einen Blick auf die deutsche Forenkultur werfen, so sehen wir nicht unbedingt positive Entwicklungen: Fast jedes Forum, in dem ich persönlich mal aktiv war, hat mit massiven Nutzerabgängen zu kämpfen und befindet sich auf dem absteigenden Ast. Mit jeder Neuerung im Bereich der „social medias“ schwindet das Interesse, an abgekapselten Communitys.

Warum soll ich mich in einem speziellen Forum denn auch neu registrieren, neuen Regeln unterwerfen, mit einem neuen Design anfreunden, wenn ich alles auch auf Facebook so serviert bekomme, dass es mir zwar nicht immer schmeckt, mir aber zugleich auch nicht unbedingt gleich schlecht wird?

Nicht anders verhält es sich mit Websiten, die durch ihr Design überraschen wollen (zum Teil lädt man für eine Website dann auch mal eben bis zu 5 MB nur für die Startseite runter und kotzt direkt in den Bildschirm, weil es auf dem Handy entweder nicht funktioniert, oder man direkt irgendein Video ins Gesicht gepresst bekommt, was man gar nicht so gerne sehen möchte, wie die Betreiber wohl vermutet haben). Auch hier dürfte ein allgemeiner Besucherrückgang zu beobachten sein.

Facebook entwickelt sich hierbei zu einer Art „Basisstation“ für das www, von wo aus man mal hin und wieder Abstecher in die Wildnis wagt. Wie eine schimmelige, muffige Hütte in der Antarktis;  die zwar nicht so heimelig ist wie man es sich wünscht, aber trotzdem angenehm genug erscheint, um nicht allzu freiwillig und oft nach draußen gehen zu wollen (wo -30 Grad herrschen und Kaiserpinguine einen sexuell belästigen wollen).  Hier haben auch viele Betreiber von Seiten ihren Teil dran, da das Web über die Jahre immer mehr einem Schwanzvergleich der Komplextität glich und so manche Seite heute mehr RAM und Speicher frisst, als früher ganze Spiele benötigten. Danke, ihr Deppen.


Für die eigene Website bedeutet dies: Vereinsamung. Denn die Zeit, welche die Leute auf Facebook verbringen, fehlt ihnen bei der Erkundung der Inhalte des www – Zeit, die sowie so immer weniger wurde, da das gebotene Feld immer grauenhafter daher kam.

Facebook saugt hier einen nicht zu verachtenden Teil einer „Kultur“ auf. Ja, Kultur – denn, auch wenn man es uns über die Jahre immer mehr einimpfen wollte: Das Web ist für uns alle gedacht gewesen, nicht nur als Schauplatz für Firmen und deren Interessen. Foren, Websiten, Linkzirkel und was es nicht alles gab. Wikipedia, anyone?

Vorallem aber bedeutet es auch: Den Menschen schmeckt nicht mehr, was sie außerhalb von Facebook zu essen bekommen. Ein großer Bestandteil des Erfolgs beruht nämlich auf der Aufbereitung der Informationen, die Fatzebock einem präsentiert: Eine Timeline, auf der mal kurze Meldungen auftauchen, die man am Rande wahrnimmt. Wirkliche Inhalte, die von Bestand sind, bietet Facebook nämlich durch seine Struktur nicht und kann es auch nicht bieten – dafür ist das System zu eingefahren. Eine Baumstruktur, welche manche Foren vorweisen, oder sogar eine Art Wissensarchiv, wie es große und alte Foren bieten können, wird Facebook so nie aufbringen können. Die Suchfunktion, die in Gruppen herumdüst, ist eine Lachnummer und höchstens als Zierrat zu verstehen.

„Informationsfastfood wird zur Grundnahrung – und von Schwarzbrot kriegt man Durchfall“

Interessant dürfte in dem Zusammenhang auch sein, dass bis zu dieser Stelle wahrscheinlich nicht einmal die Hälfte der Leser durchgehalten hat. Existiert kein „Too long, didn’t read“ (Tl;dr) bei einem Artikel, wird er automatisch schon im Geiste ausgefiltert – selbst der große und altbackene Spiegel, dessen peinlicher Jugendmagazinversuch „Bento“ genau so bescheuert ist wie sein Name klingt, benutzt mittlerweile diese Katastrophe von Zusammenfassung, die nichts anderes bedeutet als: Unsere Artikel sind aufgeblähter Mist – und die wichtigen Sachen kriegen wir auch in 3 Sätze gequetscht. Selbst die von Facebook angebotene, erweiterte Notizfunktion, mit der man eine Art Blog betreiben kann, nutzt keiner – weil es keiner liest.

Zurück zum Thema – Betrachte ich die Besucherstatistiken dieser Seite so, die sicherlich keine „weltbekannte“ sein dürfte, so erkenne ich bei der Auswertung (Slimstat für WordPress) immer eine Auffälligkeit, bei der ich geschwollene Lymphknoten bekomme: Die Leute verweilen nicht mehr.

Setze ich, zur Probe, eine Verlinkung in Facebook auf einen neuen Seitenbeitrag hinein, so bekomme ich durchaus passable Besucherzahlen für meine Seite zusammen. So weit, so gut. Das Problem an der Sache ist nur: Die Leute gehen eben _nur_ auf diese eine Seite, scrollen alle Bilder durch und sind nach wenigen Sekunden wieder weg. Sie stöbern nicht, sie schnöfern nicht. Sie machen so rein gar nichts, was man sich so als Seitenbetreiber erhofft und wofür man arbeitet.

Macht eine eigene Website, mit dieser Entwicklung im Hinterkopf, also noch auf Dauer einen Sinn? Nur dann, wenn man unabhängig bleiben möchte – denn Facebook hat schon mehrfach bewiesen, wie unberechenbar es manchmal sein kann. Von zensierten Nippeln, bis hin zur Duldung von nationalsozialistischen Symbolen, war schon alles dabei und die Zukunft wird noch einiges bereit halten.

Eine eigene Domain mit einer eigenen Infrastruktur, zu der nur man selbst Zugriff hat (und der Bastard Operator from Hell des Rechenzentrums), auf der man selber die Art der Inhalte und deren Präsentation bestimmen kann, ist nur von Vorteil – jedoch, dessen sollte man sich bewusst sein, saugt Facebook im Moment einfach alles auf, was an potenziellen Besuchern daher kommen könnte.

Inwiefern hier die Art des Inhalts eine Rolle spielt, dessen Aufbereitung und Länge, sei dahingestellt – nur gewiss ist: Es existiert bereits eine Facebookblase, aus der so viele Leute gar nicht mehr entkommen wollen. „Crossmedia“ nennt sich da das schöne Wort, wenn man sich mit dem Teufel einlässt und sowohl Website, wie Facebookpräsenz pflegt – die Frage ist nur: Wird Facebook dafür nicht irgendwann einmal Geld sehen wollen? Nach dem Mott: „Schöne Präsenz habt ihr da! Wäre doch schade, wenn euch keiner mehr finden würde, oder?“.

Zur Sicherheit habe ich beides, nur merke ich: Bezahle und teile ich mir bei Facebook keinen Wolf, sieht mich dort keiner.

Was also tun? Beten und hoffen, dass es noch Menschen in höheren Positionen gibt, die eine Übernahme des Webs durch Facebook verhindern können. Dass Facebook nie einen eigenen Browser auf die Beine stellt, der nur Facebook versteht. Dass Facebook nie auf die Idee kommt, seine Tätigkeiten im Verkauf auszuweiten. Dass Facebook nie ein großer Anbieter von Internetzugängen wird. Dass die Nutzer endlich damit aufhören, wie Schafe geführt zu werden und einmal aus der Wohlfühlzone ausbrechen – sich wieder selbstständig um die Technik kümmern und wieder damit beginnen, über ihre Hamsterfamilie auf ihrer eigenen Domain zu berichten. 

Von mir aus auch mit animierten Gifs, Midi Sounds und einem Gästebuch + Counter.

 

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