Aachen Westfriedhof

Aachen, eine ganz besondere Stadt; mit so vielen Farben, Facetten und Nuancen – genau wie Herpes, der kann ja auch schön bunt werden. Hartes Urteil? Leben Sie erst einmal hier, oder noch schlimmer: Arbeiten Sie auch hier! Wer Aachen über das hinaus kennt, was vom Weihnachtsmarkt immer als Kulisse missbraucht wird (man nennt es eigentlich Altstadt, wenn man aber ehrlich ist auch „Das Land wo Mieten nicht zu bezahlen sind“), der wird die spezielle Dreckigkeit einer Provinzstadt erkennen, die, ausgemergelt von verpassten und ausgeschlagenen Chancen der Geschichte, auch als Appendix der RWTH bezeichnet werden kann (ohne dabei böswillig sein zu müssen).

Während meiner Lebensphase auf der Viktoriastraße, die immerhin fast zwei Jahre andauerte, durfte ich so immerhin einmal mein Stativ zum Eigenschutz missbräuchlich einsetzen, habe nachts hin und wieder mal einen Schuss gehört und die Zeitung versorgte mich regelmäßig mit Berichten über Morde und Schiessereien die, nicht nur sprichwörtlich, direkt um die Ecke herum stattfanden (Oppenhoffallee rulz!!1eins). Kurz: Es wurde weder langweilig, noch irgendwie entspannend – erst recht nicht, wenn man dem Wahn unterlag „parken“ zu wollen. Ja, parken im Frankenberger Viertel (welches lustigerweise immer weiter, laut mietprengel23, u.ä. Portalen, anschwillt und bald erste Vororte von Köln einnehmen dürfte) war schon immer ein Abenteuer, welches am Besten mit großzügig bemessenen Vorräten und Wanderschuhen bestritten werden wollte (die Wege bis zur Wohnungstür können weit und beschwerlich werden…).

Erwartet man hingegen, als Ausgleich für diese Beschwerlichkeiten einer „Großstadt“, ein gewisses Maß an Kultur und Subkultur, kann man sich leicht enttäuscht in den nächstbesten Hipstershop verziehen und in die Hosenträger aus Alpackasackhaar des Verkäufers heulen, denn derartiges ist in Aachen bestenfalls als „selten“ zu bezeichnen; Da schließen Clubs, da wird gentrifiziert und statt einer Kneipenkultur, die einer Studentenstadt würdig wäre, halten sich nur noch wenige Lokalitäten mit Kultcharme, die von „besorgten“ Anwohner drangsaliert werden – es ist ja laut, doof und sowie so sollte da lieber ein Starbucks rein. Da wird auch mal ein Musikbunker bearbeitet – immerhin liegt der im Frankenberger Viertel (kann man ja gut verkaufen, wo die Grundstückspreise gerade so fluffig explodieren).

Da wird dann auch schon einmal das autonome Zentrum der Stadt ein wenig gegängelt, das Theater fast jährlich geschlossen und wer glaubt, dass man „Biergärten“ im Sommer nach 22 Uhr besuchen darf, der war aber noch nicht im rheinischen Irrgarten der Kommunalverwaltung. Wobei Biergärten und der Genuß eines Straßencafés immer ein besonderes Erlebnis sind: Wer, z.B., am RethelPub einen der seltenen Straßentische ergattert und noch nicht reingebeten wurde weil nebenan bereits der Wutbürger im Fenster kollabiert, der darf dann auch mal in einer Stunde dem dritten Bettler erklären, dass man nur ungerne seine bräunlich „gereiften“ Finger im Kaffee stecken hat – auch wenn es vielleicht aromatisch einen Gewinn darstellen dürfte (es gibt nur im Domkeller guten Kaffee, auch wenn dieser die Koronarien auf eine harte Belastungsprobe stellt).

Doch gibt es auch hier, selbst in Aachen, ein paar Flecken die noch nicht mit Einkaufszentren, Handyshops und Dönerbuden vollgepflastert wurden (oder einfach nur als Leerstand den Wohnraum künstlich verknappen), wo noch der alte Charme einer Kurstadt existiert (ja, eigentlich heißt es ja Bad Aachen, auch wenn man sich stets bemüht recht wenig davon zu zeigen – Ozonmessungen auf der Wilhelmstraße im Hochsommer vermitteln eher das Bild einer chinesischen Schwerindustriezone) und man noch nicht alle 3 Minuten nach einer Zigaretten, oder einem Euro für die Nachtunterkunft gefragt wird.

Logischerweise muss dies ein Ort sein, der auf das Volk ein wenig abschreckend wirkt – weil er ansonsten in kürzester Zeit zu Geld gemacht würde – Tada, so ist es in der Tat der Westfriedhof, den man als kleines Juwel am Stadtrand bezeichnen könnte. Dieser ist auch brav in zwei Teile gespalten, damit Protestanten und Katholiken über den Tod hinaus noch in getrennten Bereichen vor sich hindüngen dürfen.
Was diesen Friedhof daneben noch auszeichnet? Ich lasse an dieser Stelle dann mal zwei Dinge hier: 1. Westfriedhof Aachen auf Wikipedia und 2. meine Fotostrecke von dort – mit der ich viel Spaß wünsche

Im Einsatz waren hierbei:
– Meine treue Canon EOS 6D*
M42 Adapter*
– Takumar 50mm F1.4 (es strahlt auch im Dunkeln)
– Nik Software Silver Efex Pro 2

1Comment

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  1. 1
    Frank Walmrath

    Moin, Mon

    mein Gott – welch elegische fast hasserfüllte Ergüsse über meine Heimatstadt. Kann ich nur zum Teil nachvollziehen – ich mag Aachen sehr gerne, und ich hab im Laufe meines Daseins schon in einigen Städten auf Gottes weiter Erde mein Dasein gefristet.

    Trotzdem hoffe ich, das es dir gut geht und wir beizeiten noch mal gemeinsam auf Tour gehen – oder noch besser uns mal bei einer gepflegten Hopfen-Kaltschale über Aachen auseiandersetzen.

    Liebe Grüße

    F.

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