Chateau Noisy

Ana·chro·nis·mus –

[1] falsche zeitliche Einordnung
[2] überholte Einrichtung, Ansicht

Anachronismus. Bin ich einer? Bin ich überholt, oder in der falschen Zeit gefangen? Bin ich rückständig, oder gar ein lebendes Relikt? Die Frage stellte sich mir oft, zunehmend vorallen in den letzten Jahren. Wie sehr ich doch alte Filme liebe, alte Musik, alte Würde und Anstand. Ein kleiner Knicks hier, eine kleine Geste dort. Ein Hauch von besonderem Verhalten soll in allen Taten stecken. Manchmal.

Fehl am Platze fühlt sich mit Sicherheit jeder einmal, aber ich empfand mich fast durchgängig zur falschen Zeit und am falschen Ort. Nicht, wenn es um das Thema der Technik ging – die Menschen machten mir immer zu schaffen; viel zu oft dachte ich, dass es sich früher vielleicht ein wenig anders zugetragen hat, wenn es um die Gepflogenheiten ging. Alleine ein „guten Tag“ war manchmal schon zu viel für einige Personen, was sich auch quer durch alle Bildungsschichten zog. Gute Manieren verlieren sich ungeachtet des Bildungsniveaus.

Vorallem schien mir das alles was real war, was greifbar war, von Jahr zur Jahr seltener und kostbarer wurde. Die einfachsten Dinge wurden unnötig verkompliziert und grundsätzliche Elemente der Kultur, wie Höflichkeit, zu etwas lachhaftem verklärt. Treue? Nur Langweiler sind treu. Ehrlichkeit? Wer ehrlich ist, der ist dumm. Es wurde nicht der Mensch, dessen Charakter und innere Haltung betrachtet, sondern immer nur ein Scales and Scores Blatt. Wie viele Punkte schafft man im multiple choice Test? Sind Sie in etwas total bescheiden talentiert, wollen aber dennoch in diesem Gebiet Erfolg? Socializing ist das Zauberwort! Vitamin B nannte man es früher und stand für mangelnde Begabung, bei größtmöglicher Verwandtschaft.

Vielleicht war genau dies der Grund dafür, weswegen mir soetwas wie Charleroi als besonders real erschien; Diese verkommene Stadt, die an ihrem eigenen Dreck zu ersticken drohte und dabei alles währenddessen mit in den Abgrund riss. Dieser Moloch. Dieses „Existierende“.

Auch wenn ich wusste, dass wir absolut falsch waren und der Fehler schon dabei war korrigiert zu werden, lohnte sich dieser Anblick für mich und ich drückte mir fast die Nase an der kalten Scheibe platt. Diese reale Dreckigkeit, die keiner künstlich erschaffen wollte. Gnade wurde hier weder gewährt, noch erbeten. Das Auge musste leiden, gesättigt von den Ruinen des industriellen Aufstiegs. Diese Stadt war ein Museum für den Aufstieg der modernen Welt. Mag St. Petersburg auch auf den Knochen der Arbeiter errichtet worden sein, so war Charleroi doch ein dampfendes Mahnmal dafür, dass ganz Europa auf den Gebeinen unzähliger Bergmänner, Stahlarbeiter, Maurer und anderer Handwerker errichtet worden war.

Intelligente, begabte, so viel bessere Menschen in mancher Hinsicht, deren einfache, harte und kostbare Leben unser heutiges Wohlergehen ermöglichten – und an die sich heute keiner mehr wirklich erinnern mochte. Menschen, welchen nicht die Chancen gegeben wurden, die man uns heutzutage auf dem Tablett serviert – und dennoch etwas erreichten und vielleicht sogar dabei manchmal glücklicher waren.

„Wessen Hände schmutzig und voller Schwielen sind, den will ich Freund nennen“


 

Nach mehreren Korrekturen der Route, die uns danach durch seltsame Dörfchen führte deren beste Zeiten (wie es wohl für ganz Belgien gilt) längst vergessen schienen, hatten wir schlussendlich Noisy erreicht und es erschien mir, selbst aus der Ferne und den hastig abgegriffenen Blicken auf den Uhrenturm, dass dieser Ort etwas mit mir gemein hatte: Er passte nicht in diese Zeit- Er war deplatziert.

So fern die Daten von Lipinski stimmen, wurde der Bau erst im Jahre 1865 begonnen, so dass die Optik hier das aufkeimende Gefühl täuscht, vor einem Relikt aus Ritterszeiten zu stehen. So reiht sich das Ende der Bauarbeiten, um 1907 herum, nahtlos in diese Täuschung mit ein, welche dieses Schlösschen umgibt und welche für seinen speziellen Charme sorgt. Das Gebäude ist einfach zu gotisch, zu alt und zu verwoben, als dass es tatsächlich aus einer viel früheren Epoche hätte stammen können. Hier baute ein verspäteter Geist der Romantik. Vergleicht man nämlich wirklich alte Objekte mit Noisy, lassen sich bei fast jedem ungewöhnliche Umbauarbeiten, Modernisierungen und andere Verbrechen erkennen, welche den Geist der Jahrhunderte versuchten auszumerzen.

In Schrittgeschwindigkeit umrundeten wir das Gelände, dessen Weitläufigkeit uns überraschte – exakt wie auch dessen mangelnde Umzäunung. Bequem würde es dennoch nicht werden hier hinein zu kommen und Klettereien waren im Grunde nichts für meiner Mutter Söhne, doch waren wir einmal vor Ort. Einen entsprechend abschüssig gelegenen Parkplatz auf öffentlichem Grund fanden wir auch, da uns nicht nach abgestochenen Reifen der Sinn war – egal wie gastfreundlich der Belgier auch sonst erschien, hier kannte er seine Grenzen nur zu gut.

Einige anstrengende Minuten später, die vom heftigen Gekeuche meiner vergrippten körperlichen Überreste begleitet wurde, standen wir mitten im Märchenwald Noisys. Unberührt? Mit Sicherheit nicht, wie manche Spuren verrieten. Ein Blick auf die PKW Hinterlassenschaften, die sich an einem der Fahrwege vorfinden ließen, verriet uns dass es einige Zeit her war mit der letzen Tour des Försters auf dieser Route – Gras und kleine Blümchen standen im Reifenprofil empor. Ich hätte Indianer werden sollen. Trotz dieser beruhigenden Entdeckung, wollte sich aber in mir keine Entspannung breit machen und so gingen wir, mit den besten Bemühungen leise zu sein, durch die Büsche und kniehohen Gräser und erstarrten bei jedem ungewöhnlichen Geräusch wie Salzsäulen.

Selten war ich so unentspannt bei einer Tour, so besorgt. Ob es begründet war? Man hörte viele Dinge, wo von mit Sicherheit jedoch der Großteil nur dummes Geschwätz sein dürfte. Dennoch: Dieser Ort wurde überrannt, verkam zu einem Mekka für die „Szene“ und man ließ dem Besitzer keine Ruhe, ärgerte dessen Mitarbeiter wo es nur ging und veranstaltete Grillfeiern auf dem Gelände. Nein, es war nicht die Dorfjugend, die so oft beschworen wird.
Hier hatte die „Szene“ ihr wahres Gesicht gezeigt und auf all ihre tollen „take nothing…“ & „urbexer against vanda…“ Sprüche geschissen. Wer glaubt, dass Urbexer verkappte Dokumentaristen mit noblem Anspruch sind, der hat noch nie gesehen wie sie dekorieren, arrangieren und zur Not auch mal in die Ecke scheissen.

Nach quälenden Minuten, die mir wie eine Abenteuerreise durch den Dschungel vorkamen, erreichten wir auf dem sicheren Weg das Chateau und ich blickte den Uhrenturm hinauf. Dafür kamen die Leute aus allen Ländern hierher? Deswegen dieser Hype? Für ein Gebäude, welches nicht einmal zwei Jahrhunderte alt und dennoch schon so verkommen ist?

Der äußerliche Eindruck war hingegen noch der bessere, denn was vom Inneren übrig geblieben ist, konnte man mit bestem Willen höchstens noch als Ruine betiteln. Mir schossen wieder die gesehenen Bilder durch den Kopf, die Leute mit Guy Fawkes Masken zeigten, welche Christbaumschmuck von der Treppe warfen. Oder Sprayer, die stolz ihre reich verzierten Genitalien irgendwo an die Wand schmierten.

Anachronismus. Mich überkam eine Erleuchtung, als ich über diesen Schwachsinn sinnierte, der hier bereits geschehen war: Nicht ich war es, der deplatziert und zur falschen Zeit da war – die Menschheit war einfach nur irgendwann im großen Stil Scheisse geworden, während ich daran kein Interesse hatte.
Wenn dieses Verhalten modern ist, bin ich gerne rückständig.

Wir haben den Förster an diesem Tage noch gesehen, ganz unspektakulär: Als wir auf dem Rückweg an ihm, auf der öffentlichen Straße, vorbeifuhren. Wir haben Noisy gesehen und für mich, nur für mich, hat sich hier ein Mythos zerlegt. Noisy ist eine Ruine, die ihren Frieden, exakt wie ihren Abbruch, verdient hat – so lange wie Leute durch die Decken brechen, Christbaumkugeln dort drin zertrümmern und etwas Schönes zerstören wollen.

 

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